Im Frühjahr des Jahres 2000 begleitete der Sänger Stef Bos den Optiker Paul Luyf nach Albanien. Stef war nach einem Konzert mit Paul ins Gespräch gekommen und war beeindruckt von Pauls Erzählungen. Das Gespräch mündete in eine gemeinsame Reise nach Albanien. Die Eindrücke, die Stef in Albanien sammelte, führten dazu, dass Stef drei Lieder (Liria, Kazazi und Engjellushe) schrieb. Diese Lieder wurden auf der CD Donker en Licht (=Dunkel und Hell).

Nach Ablauf der Reise verfasste er einen Reisebericht, in dem er seine Eindrücke in Worte fasste. Diesen Reisebericht veröffentlichte Stef auf seiner Internetseite (Niemandsland: www.stefbos.nl). Den Reisebericht lesen Sie im Anschluss.


Liebe Niemandslander,

Mein Herz ist immer noch in Albanien.
Ein Journalist, ein Optiker und ein Sänger reisen an einem Sonntag gemeinsam nach Albanien ab.
(Der Optiker fährt schon seit Jahren dorthin, um Menschen die das nicht bezahlen können, zu einer Brille zu verhelfen und ihre Augen zu messen.)


Sie kennen sich nicht
Kommen aus denselben niedrigen Niederlanden, aber gleichzeitig aus verschiedenen Welten.
Vielfalt ist ein guter Nährboden
Es sollten zwei schöne Wochen werden (Albanien, Kosovo, Mazedonien und wieder zurnach Albanien).
Zu Gast bei einem Volk, dass leidenschaftlich und gastfreundlich ist.
Menschen die wenig haben, sind oft bereit, viel zu teilen.
Das habe ich jetzt wieder gelernt.
Eine Lektion in Bescheidenheit.

Die oberflächliche Wirklichkeit ist immer Thema in den Zeitungen.
Albanien wird gleichgesetzt mit Mafia, Frauenhandel und Korruption.
Das Land wurde in den Niederlanden von der Liste der Länder gestrichen,
die Unterstützung verdienen.
Eine Schande.
Denn eine Minderheit der Bevölkerung wird als Gradmesser für die Mehrheit genommen.
Ich musste meine Vorurteile aufgeben
Schon am ersten Abend
Als eine vierköpfige Familie mit einer Zweizimmerwohnung
darauf bestand, dass wir in ihren Betten schlafen.
Während sie auf Stühlen und Bänken die Nacht durchbrachten
Eine Lektion in Bescheidenheit

Je länger ich lebe
desto weniger weiß ich
Je besser man ein Land kennen lernt
Desto weniger kann man einfach so ein Urteil darüber fällen.
Daher
Ein paar Eindrücke
Fragmentarisch:

Schlaglöcher in den Wegen
Kaputtgefahren von Nato-Panzern
Schlachtereien im Freien
Geschlachtete und gehäutete Tiere am Straßenrand.
Ein Land voll mit kaputten Autos
Stück für Stück abgewrackt.
Leere Gebäude
Rostige Gerippe, die einst Fabriken waren
Das bittere Erbe einer Diktatur
Gesichter in denen die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat
zerfurcht
Gastfreundschaft

Burrel
Arbeitslosigkeit
Der Gestank der Armut
Leblose Augen
Dankbarkeit
Lebenskünstler

Berichte über Frauenhandel
Falsche Versprechen über Liebe und eine bessere Zukunft
endend in der Prostitution
Irgendwo in Europa
in Brüssel und Rom
Hamburg und Berlin


Erzählungen über die kommunistische Diktatur
Ein Wort
genügte
um zwanzig Jahre hinter Gittern zu verschwinden
Der Widerstand und die Angst

Die Felsen
Das raue Leben
Unwirtliche Landschaften
Aufgetürmte Abfälle
Hohe Berge im Norden
Trostlose Dörfer

Eine lange Fahrt durch eine stille Landschaft
Kukkes
Auf dem Weg in den Kosovo
Ein zerrissenes Gebiet
Ein Kreuz
Stille Zeugen der Blutrache entlang des Weges

Prizren, Pristina, Kosovo
Am Abend
Panzer, Soldaten und drohend
Das Echo eines Infernos
Das Blut, das geflossen ist
Ist noch nicht vergessen
Links am Weg ein Feld voll mit Blumen
Niedergelegt von Hinterbliebenen
Das ist ein Massengrab
Sagt der Fahrer
Es wird Still

Und die internationalen Sozialarbeiter
Im Grandhotel Pristina
Sie essen abends, ruhig gestellt durch Geigen- und Klaviermusik
Und sie sprechen
Über den nächsten Krieg
Der irgendwo ausbrechen wird
Denn dieser Zirkus zieht durch die ganze Welt
Der eine wird fürstlich bezahlt für fehlenden Sachverstand
Der andere lässt den Worten Taten folgen
Engel gibt es in jedem Beruf
Aber auch das Gegenteil

In Gedanken zurück, unterwegs
Der Norden Albaniens
Zehn Stunden unterwegs
Versuche mit Händen und Füßen zu sprechen
Mit einem Taxifahrer, der keine fremde Sprache spricht
Dann plötzlich
Ein Name
Rensenbrink
Und danach ein großartiges einstündiges Gespräch
In diesem Gespräch passierten alle Fußballspieler der letzten dreißig Jahre Revue
Wir verstanden einander

Eine Begegnung
Mit einer Gruppe ehemaliger politischer Gefangener
Die Geburt eines Textes
Denn einer der Männer
Der länger als zwanzig Jahre eingesperrt war
Strahlt noch immer
Hat das Kind in sich bewahrt
Und hat noch immer das Licht in seinen Augen

So hat dieser Mann meine Hände in Bewegung gesetzt
Um zu schreiben


Liria

Ich glaube an die Frau, die kämpft
die gegen die Unterdrückung
weiter nach einem Weg sucht
Ich glaube an das Wort
das in Stille gewogen wird
ich glaube an den Mann
mit dem Licht in den Augen

Und ich stehe an der Seite
von denen im Dunkeln
die auf den Tag warten
die auf ein Wunder warten
und ich schreie

Liria
Liria

Ich schreie für jede Stimme, die erstickt wird
Ich schreie für jedes Herz, dass gebrochen wird
Ich schreie für den, der von niemandem gehört wird
und ich schreie für jede Frau, die weiter glaubt

Ich sah die Augen eines Mannes
der lebend begraben wurde
der zweiundvierzig Jahre im Dunkeln gelebt hat
und am Ende des Jahrhunderts
und am Ende seiner Tage
die Freiheit sah und alles gab
was er niemals bekommen hat

Und ich stehe an der Seite
der Wahrheit, die schweigen muss
die niemals gehört wird
die niemals Recht bekommt
Und ich schreie

Liria
Liria

Ich schreie für jede Stimme, die erstickt wird
Ich schreie für jedes Herz, dass gebrochen wird
Ich schreie für den, der von niemandem gehört wird
und ich schreie für jede Frau, die weiter glaubt

Osman
Vladi
Eisha
Mamoedia

Victor
Jara
Reza
Mamoedia

Osman
Shukra
Carlos
Mamoedia

Ich schreie für jede Stimme, die erstickt wird
Ich schreie für jedes Herz, dass gebrochen wird
Ich schreie für den, der von niemandem gehört wird
und ich schreie für jede Frau, die weiter glaubt

Wir reisen weiter
Über Mazedonien in den Süden Albaniens
Koça
Sinti und Roma
Musik
Und zwei kleine achtjährige Mädchen, die tanzen als ich singe
Marinella und Engjellusha

Engjellushe - Marinella

Zwei kleine Mädchen
sehen mich an
Sie sprechen eine Sprache
die ich nicht verstehen kann
Ich sehe in ihren Augen
Die Sonne untergehen
Ich komme nach Hause
bei einem Volk
mit einem Land ohne Namen

Sie sind überall Zuhause
also immer ein Fremder
und ich weiß, was es heißt
verloren zu leben
Zwei kleine Mädchen
und sie sehen mich an
sie sitzen da zusammen
und ich singe ihre Namen

Engjellushe, Marinella
Marinella, Engjellushe
Timomoengkong
Marinella
Timomoengkong
Engjellushe

Ich sehe in ihre Augen
und ich kann nicht glauben 
wie dieses Volk durch die Jahrhunderte hindurch
verstoßen wurde
und ich denke an die Welt
in die ich geboren wurde
die versauerten Gesichter
die berechnenden Worte

Und ich weiß, dass ich morgen
weiterreisen muss
Aber, dass ich in Gedanken
Hier bleiben werde
denn ich denke an die Welt
in die ich geboren wurde
die versauerten Gesichter
die berechnenden Worte

Engjellushe, Marinella
Marinella, Engjellushe
Timomoengkong
Marinella
Timomoengkong
Engjellushe

Und so könnte ich noch Stunden weiter schreiben
Aber es ging nur um ein paar Eindrücke
Und ich muss mich behelfen
mit Worten
deshalb
hört es hier auf
vorläufig

Mit Dank an
Paul, Joop und Fabiola
Vladimir und viele andere
Für eine Reise
Ohne Endpunkt

Stef Bos
Antwerpen
19. Mai 2000

Wer Paul Luyf und sein Einmannmission in Albanien direkt unterstützen will, kann Geld an seine Stiftung überweisen: Stiftung Augenprojekt Albanien (Rijksstraatweg 12, Haarlem, Niederlande): giro 7299205 (IBAN: NL58PSTB0007299205 and BIC: PSTBNL21 (Postbank - Amsterdam, Niederlande)).